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„Wohin steuert
die Kirche Christi in dieser Zeit ?“
Liebe Festgemeinde,
liebe Schwestern und Brüder
„Wohin
steuert die Kirche Christi in dieser Zeit ?“ Diese
Frage steht als Leitmotiv über unserem Jubiläum „140 Jahre
Altkatholische Kirche, altkatholischer Gottesdienst in Österreich.“
Es ist eine Frage, auf die es – zunächst einmal – keine
eindeutige Antwort gibt, aber es ist eine Frage, die gerade in
der heutigen Zeit mit Recht immer wieder gestellt werden muss. Ja, der Steuerungskurs der Kirche ist vielen
auseinanderstrebenden Kräften ausgesetzt. Es scheint oft so,
als führe das Wehen des Heiligen Geistes das Schiff der Kirche
nicht in eine eindeutige Richtung. Unzählige Konferenzen und
Beratungen im ökumenischen Bereich, aber gerade auch in der
Utrechter Union der Altkatholischen Kirchen belegen diese
Feststellung. Das spüren auch die Glieder der Kirche und ganz
besonders die Kirchenleitungen, Synoden und Bischöfe.
Unsere Frage provoziert eigentlich eine weitere Frage: „Wohin
steuern die Glieder der Kirche Christi in dieser Zeit ?“ Wohin
steuern die Meinungen der einzelnen Kirchenglieder ? Wie in
allen Bereichen, so haben wir Menschen ganz verschiedene
Meinungen, vor allem auch, wenn es um die Kirche und den Glauben
geht. Vielleicht wird deutlich, worum es hier geht, wenn wir uns
vorstellen, was wohl in den Menschen rechts und links von uns in
den Kirchenbänken vorgeht, wenn wir um Verlaufe des
Gottesdienstes gemeinsam das Glaubensbekenntnis sprechen. Einige
unter ihnen sprechen es willig mit, weil es zu den ehrwürdigen
Schätzen unserer Kirche gehört. Manche sprechen es, weil es
sie durch ein langes Leben begleitet hat und weil sie – ohne
darüber nachzudenken, warum – empfinden, es gehöre einfach
zu einem vollständigen Gottesdienst. Andere sind gespalten. Sie
bejahen den ersten Satz, den vom Schöpfer des Himmels und der
Erde, und wissen mit dem anderen, etwa dem von der
Jungfrauengeburt, nichts anzufangen. Wieder andere suchen ihren
Ärger darüber, dass sie fortwährend an etwas gebunden sein
sollen, das ihnen fremd ist, sich nicht anmerken zu lassen, und
überstehen die Zeit, während sie es allenfalls mitsprechen,
mit innerer und äusserer Disziplin. Und noch einmal andere
sagen sich in der Stille, dass sie wohl ausserhalb der Grenzen
der Kirche stünden, wenn das Glaubensbekenntnis das Verbindende
unter den Christinnen und Christen sei.
Antworten auf die Frage „Wohin steuert die Kirche Christi in dieser Zeit ?“ könnten
also abhängen von den verschiedenen Meinungen der
Kirchenglieder und den Anspruch postulieren: „Es
ist Aufgabe der Kirche, sich der heutigen Zeit, den modernen
Menschen und deren Lebensweise anzupassen und mit veralteten Sätzen
und Formulierungen aufzuräumen – kurz: Die Kirche hat unsere
Bedürfnisse von heute zu befriedigen !“ Beim Besuch des
Papstes in Deutschland letzten Monat sind ja genau solche Ansprüche
der Kirchenglieder gegenüber dem Papst formuliert worden: Die
Kirche hat die Bedürfnisse der Menschen von heute zu
befriedigen ! „Befriedigen der Bedürfnisse“ klingt nun aber
recht billig und einseitig. Die Kirchenleitungen müssen auf
jeden Fall den Dialog
mit den Kirchengliedern suchen und pflegen. Doch die Kirche ist
keine von Menschen geschaffene Institution, kein Verein und kein
Club. Die Kirche ist nicht dazu da, Bedürfnisse zu befriedigen,
sondern vor allem Geheimnisse zu feiern. Hier, liebe Schwestern
und Brüder, sind wir beim Kern der Sache. Und es ist sinnvoll,
sich gerade auch im Zusammenhang mit unserem Festtag dessen
bewusst zu werden. Wenn wir Menschen nach dem „Wohin der
Kirche“ fragen, äussern wir das Bedürfnis nach einem
Wegweiser. Wir suchen Orientierung, um uns in den Wirren unserer
Zeit und unserer Welt nicht zu verlaufen.
Wir rufen heute in Erinnerung, dass in Österreich seit 140
Jahren altkatholische Gottesdienste gefeiert werden, und richten
damit unsere Sinne und Aufmerksamkeit gerade auf einen der
wichtigsten Orientierungspunkte der Kirche, den Gottesdienst. In
der Feier des Wortes Gottes und der Eucharistie, beim Beten und
Singen von Liedern leben wir konkret Spiritualität. Die
Spiritualität entspricht einem Bedürfnis vieler Menschen
unserer Zeit. Das belegt auch der Buchhandel, auf dessen Regalen
heute eine Menge von Büchern zu spirituellen Themen zu finden
ist. Wichtig ist nun aber, dass wir nicht nur solche Bücher
lesen, sondern die Spiritualität mit andern Menschen in der
Gemeinschaft des Gottesdienstes und der ganzen Kirche leben und feiern.
Es gibt Menschen, die kritisieren und klagen gar, dass
der Gottesdienst immer gleich ist. Das soll
er auch sein, damit wir unsere Orientierungsfähigkeit und
Spiritualität trainieren können, ganz ähnlich, wie wir das für
geistige und körperliche Fitness tun. Aber die Verkündigung
der Frohen Botschaft lenkt doch die Aufmerksamkeit jedes Mal auf
einen andern Aspekt. Das zeigen auch die Lesungen zum heutigen
Festtag:
Da ist dieser berühmte und beliebte Psalm 23, in dem
der Herr als Hirte dargestellt wird, der für uns sorgt, uns in
unserer Existenz beschützt, uns in dunklen und schwierigen
Zeiten tröstet und stärkt, unsere Seele erquickt und nährt,
so dass es uns an nichts mangelt und wir in ihm geborgen sind.
In diesem Psalm erscheint auch der Wegweiser, nach dem wir
vorhin unser Bedürfnis geäussert haben. Es ist der Hirte
selbst. In Vers 3 steht: „Er
leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen.“ Der
gute Hirte zeigt uns den Weg und führt uns so, dass unser Leben
gelingen kann. Doch wir müssen uns immer wieder fragen, ob wir
wirklich auf diesem rechten Weg voranschreiten, ob wir uns vom
Hirten führen lassen, ob wir gelernt haben, auf seine Stimme zu
hören.
Auch der Gesetzeslehrer, dem wir im Lukas-Evangelium
zum heutigen Festtag begegnen, stellt sich die Frage, ob er auf
dem rechten Weg ist. Mit seiner Frage, was er tun müsse, um das
Ewige Leben zu gewinnen, will er zwar Jesus auf die Probe
stellen. Dieser aber fragt zurück und sagt: „Was
steht im Gesetz ? Was liest du dort ?“ Umgehend kommt die
ausführliche Antwort des Gesetzeslehrers: „Du
sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und
ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und
deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.“ Der
Gesetzeslehrer weiss also selbst ganz genau, wo der Sinn des
Lebens gefunden werden kann: In der Liebe zu Gott, zu sich
selbst und zu den Mitmenschen. Alle Menschen wissen, dass ein
sinnvolles Leben etwas mit Liebe zu tun hat. Würden wir zufällig
ausgewählte Menschen fragen, wie sie sich ein sinnvolles und glückliches
Leben vorstellen, dann würde wohl kaum jemand das Geld, die äussere
Schönheit und die Macht in den Mittelpunkt stellen. Wir wissen
doch alle, dass wahres Glück nur in der geschenkten und
schenkenden Liebe und in gesunden und heilvollen Beziehungen
gefunden werden kann. Das Gebot der Liebe ist nämlich allen
Menschen ins Herz geschrieben.
Wohin steuern also die Glieder der Kirche Christi ?
Oder eben: Wohin steuert die Kirche Christi in dieser Zeit ?
Wenn es sich bei der Kirche nicht bloss um einen weltlichen
Verein, einen Club handelt, sondern um die Kirche, die der
Leib Christi ist, dann ist die Antwort klar. Die Kirche als
ganzes, ihre Glieder, Teil des Leibes Christi, müssen sich in
all ihrem Tun, Denken und Fühlen auf den Herrn der Kirche, auf
Jesus Christus, ausrichten. Er
ist der Wegweiser für uns. Er
gibt die Marschrichtung an. Ihm
müssen wir folgen. Er
hat uns gesagt: „Ich bin
der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater
ausser durch mich“(Joh. 14, 6).
Amen.
+ Fritz-René Müller
Bischof emeritus der Christkatholischen Kirche der Schweiz
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