|
Karin
Leiter, Du bist 1995 unserer Kirche beigetreten. Wann und warum hast
Du gewußt: hier bin ich richtig – hier gehöre ich hin?
Das lässt sich punktuell nicht so
kurz beantworten. Da war so vieles inzwischen, das mir immer
wieder gezeigt hat, da bist du richtig! Wesentlich ist für mich
die Erfahrung geworden, dass ich unserer Kirche nie gezwungen
wurde, gegen mein Gewissen zu entscheiden oder zu leben. Meine
eigene Verantwortung im Glauben und in der Arbeit ist wesentlich für
mich und sie wird ernst genommen. Ich will es kurz sagen: Seit
meinem Übertritt habe ich nicht gezweifelt an der Richtigkeit
dieser Entscheidung – auch nicht in schwierigen Situationen.
Mittlerweile hast Du
unsere Kirche gut kennengelernt. Wo sind unsere schwachen Seiten?
Kleinheit hat Vor- und Nachteile.
Sie hält beweglich macht aber manches schwieriger (wenig
finanzieller Spielraum, etc.). Ängstlichkeit, Identität zu
verlieren, ist manchmal sehr stark und hat sicher auch mit unserer
Kleinheit zu tun, zugleich macht aber gerade die kleine Kirche es
möglich, einander zu kennen und miteinander in Kontakt zu bleiben
und zu sein. Eine große Schwachstelle haben wir – wie derzeit
alle Kirchen – in gelebter Spiritualität. Doch sind Aufbrüche
deutlich zu spüren. Daran hoffnungsfroh zu arbeiten macht viel
Freude. Eine besondere Schwachstelle, die persönlich sehr
verwundert hat, ist die mangelnde Geschichtsaufarbeitung, die sehr
wichtig wäre. Das hat sicher viel mit der österreichischen Seele
zu tun.
Du bist in der
Sterbebegleitung tätig und selbst schwer krank. Wie kannst Du mit
fremdem und eigenem Leid umgehen?
Die Frage ist so nicht zu
beantworten. Ich gehe nicht mit Leid um, ich lebe damit. So wie
nicht aus meiner Haut fahren kann, mit meiner Krebserkrankung
leben muss und kann, so weiche ich kranken und sterbenden Menschen
nicht aus. Im Sterben erfahren, wie kostbar der Augen – blick
Leben ist, ist etwas ganz Tiefes und Wertvolles. Leben in Fülle,
auch mit viel Freude und Glück, nicht nur Verzweiflung und
Trauer. Ich lerne leben und glauben in dieser Arbeit, vor allem
aber Gottvertrauen.
Welche Erfahrungen als
Priesterin hast Du gemacht?
Es ist keine Frage des Alters, ob
Menschen mit Priesterinnen "klar kommen", sondern eine
Frage der Einstellung und des Frauenbildes. Die positiven
Begegnungen überwiegen bei weitem. Viele Ängste sind nur Theorie
und haben sich praktisch widerlegt: z.B. "die Zeit ist nicht
reif dafür...". Es ist höchste Zeit, dass wir
gesellschaftlich, religiös und kulturell das GANZE menschliche
Potential nützen.
Du hast gute Kontakte
zu den römisch-katholischen Frauen der "Lila
Stola"-Bewegung, die das Diakonats- und Priesteramt in ihrer
Kirche anstreben. Gibt es realistische Chancen, daß sie ihr Ziel
erreichen?
Gott ist nicht unmöglich. Das ist
eine reale Hoffnung. So wie vor einigen Jahren Mauern gefallen
sind, die für ewige Zeit errichtet schienen, ist auch diese
vatikanische Mauer überspringbar, um es mit einem Psalmwort zu
sagen. Ich bin nicht sicher, ob es meine Generation noch erlebt,
aber dass es geschehen wird, dessen bin ich mir sicher! Die römisch-katholische
Kirche kann ohne Papsttum überleben, aber nicht ohne Frauen.
Was wünscht Du unserer
Kirche für die Zukunft?
Begeisterungsneugierige Kinder und
Jugendliche, begeisterungsfähige Erwachsene, mehr Gottvertrauen
und Lebendigkeit im Pfarrleben, weiterhin offene Türen und Herzen
in und für unsere Kirche. |
| |
Geb. 1956 in
Innsbruck.
Diplomkrankenschwester,
Maturaschule (2. Bildungsweg), Zulassung zur Studienberechtigung
(Theologie, Germanistik, Theaterwissenschaft), Akademischer
Abschluß zur "Theologischen Erwachsenenbildnerin",
parallel dazu Ausbildung zur Gestaltterapeutin und Gestaltpädagogik
(1986-1991).
1988 Erkrankung an Krebs, daraus
folgend Öffentlichkeitsarbeit für die Gründung der österreichischen
Hospizbewegung.
Ab 1989 Berufung an
Krankenpflegeschulen zur Unterrichtung des (neuen) Fachs "Christliche
Anthropologie" (derzeit an 16 Krankenpflegeschulen,
Altenbetreuungsschulen, Kindergartenpädagogik, Sozialakademie,
Hochschullehrgang Universität Innsbruck für
Suchtkrankenbegleiter).
Beruflich selbständig als freie
Referentin in katholischen und evangelischen Bildungshäusern
sowie in Pfarren: Schwerpunkte Bibelseminare u. Workshops auf
therapeutischer und künstlerischer Basis, zwölf Buchveröffentlichungen.
2. Februar 1995: Eintritt in die
Altkatholische Kirche Österreichs, 16. Dezember 1995 Weihe zur
Diakonin in der Kirchengemeinde Wien-Favoriten, Mitglied der ständigen
Geistlichkeit, vom Bischof der Gemeinde Wien X zugeordnet und zur
Mitarbeiterin als Diakonin im Nebenamt beauftragt.
Pfingstmontag, 1. Juni 1998: Als
zweite Altkatholikin von Bischof Bernhard Heitz zur Priesterin
geweiht.
Künftig: Einsatz im bischöflichen
Seminar und weiter im der Seelsorge in Wien-Favoriten.
Frühjahr 2000: Abschluß des
Studiums der Weltreligionen an der ökumenischen Fakultät Wien.
Derzeit Studium der Pastoralpsychologie an der
Philipp-Neri-Akademie in Köln, tätig in Palliativ-Care,
Validation und Validative Gesprechsführung in der Sterbe- und
Trauerbegleitung.
Karin Leiter ist auch künstlerisch
tätig. Hier eines ihrer Werke, welches das Sprechzimmer der
Kirchengemeinde Graz schmückt. |